🎙️ Interview mit Daniel Finger, Schulleiter Oberstufe

Daniel Finger, Ben Zaugg

Podcast-Interview mit Daniel Finger, dem Schulleiter der Oberstufe MĂĽhlematt in Belp.

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Heute sind wir in der Schulanlage MĂĽhlematt Belp und ich spreche mit dem Schulleiter Daniel Finger. Herzlich Willkommen

Herzlich Willkommen und danke für die Möglichkeit dieses Gesprächs.

Wir sind alle einmal zur Schule gegangen aber es hat sich einiges geändert. Kannst du einmal erzählen, was hier jeden Tag passiert und einen kleinen Einblick geben, was heute in der Schule oder im Schulalltag wichtig ist.

Am Morgen ist recht grosser Betrieb, wenn die Schülerinnen und Schüler alle um 7.30 Uhr kommen. Sie gehen dann in die Klassenräume, Fachräume oder teilweise in die Turnhalle. Das ist sehr ähnlich wie wir es in der Schule bereits früher erlebt haben. Sie werden von den Lehrpersonen empfangen und der Unterricht startet. Genau so wie damals, als ich noch unterrichtet habe, ist auch heute die Beziehungsebene ganz wichtig, damit Schülerinnen und Schüler eine Beziehung zur Lehrkraft haben und dann auch gerne zur Schule kommen. Selbstverständlich ist für die Jungen und Mädchen in diesem Alter auch der Bezug zu ihren Kolleginnen und Kollegen ganz wichtig. Das war es auch für mich immer.

Ich bin etwas über dreissig du noch etwas älter, was ist heute anders?

Ich bin 56, also ein bisschen älter als du. Wenn ich mich an meine Sekundarschulzeit in Oberdiessbach erinnere, da waren wir 30 Schüler in einer Klasse und sassen in Reih und Glied, stark im Frontalunterricht und alle Schüler und Schülerinnen haben das Gleiche gemacht. Es war ein Standardprogramm, dafür hat das Klassenzimmer gereicht. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass wir irgendwelche Gruppenräume hatten. Das war noch vor dem Lehrplan 95. Mit dem Lehrplan 95, das war die Zeit, in der ich selbst unterrichtet habe, da war das Unterrichten schon anders und man hat bereits viel mehr Gewicht auf die Individualisierung gelegt. Ich habe in der Lenk im Obersimmental unterrichtet und dort hatten wir einen Neubau, in dem ich zum ersten Mal mit Gruppenräumen arbeiten konnte. Das hat mir ganz andere Möglichkeiten erschlossen. Mit Gruppenräumen können wir offener unterrichten und nicht mehr alle machen zur gleichen Zeit die gleichen Dinge oder arbeiten auf dem selben Niveau.

Es sind recht viele Menschen, die hier jeden Tag ein und aus gehen. Du hast die Schülerinnen und Schüler erwähnt und da sind ja auch noch die Lehrpersonen. Wie viele sind das etwa?

Insgesamt umfasst die Oberstufe ca. 350 Schülerinnen und Schüler und nächstes Jahr sind wir über 380 Personen. Es ist also eine grosse Oberstufe.

Täglich gehen hier ungefähr 30 Lehrpersonen aus und ein. Das Kollegium umfasst insgesamt 40 Lehrpersonen und dann haben wir noch Lehrpersonen für den Spezialunterricht und die Schulsozialarbeit. Das sind Spezialistinnen und Spezialisten, die wir zu unserer Zeit nicht hatten.

Du hast gesagt, es gibt heute beispielsweise diese Gruppenräume. Als ich vorhin durchs Schulgebäude ging sah es aber doch noch sehr ähnlich aus wie zu meiner Schulzeit. Lange Gänge, Türen und Lehrerzimmer.

Das ist natürlich ein Schulhaus, das ein paar Jahrzehnte alt und auf den Unterricht ausgelegt ist, der damals aktuell war. Zusätzliche Räume fehlen. Deshalb haben wir die Gänge so eingerichtet, damit man auch dort arbeiten kann. Das sind behelfsmässige, niederschwellige Massnahmen, um der heutigen Zeit gerecht zu werden.

Wenn man nun schaut, wie sich Schule gewandelt hat und noch wandeln wird, was ist aus deiner Sicht bei einem neuen Schulhaus wichtig?

Grundsätzlich hat man in einem Schulhaus nie zu viel Platz. Gerade weil der zeitgemässe und zukünftige Unterricht nicht an Pulten, die in einer Reihe stehen, stattfinden wird. Vielleicht sollten einmal vier Personen zusammenarbeiten oder jemand sollte sich zurückziehen können oder bekommt Unterstützung von einer Speziallehrperson.

Schulräume müssen flexibler werden und genügend Platz bieten. Das 2er-Pult hat aus meiner Sicht ausgedient. Das heisst für uns bereits heute, dass wir Einzelpulte einkaufen. Weiter achten wir beim Einkauf von neuem Mobiliar auch auf höhenverstellbare Stühle und Raumtrenner, damit sich Kinder im Klassenzimmer zurückziehen können. Ich finde es sehr spannend, wie ein Raum sofort grösser wirkt, wenn man diesen etwas umstellt. Wir machen die ersten Erfahrungen damit, probieren aus und testen auch die Einrichtung dieser Zimmer. Wir haben dafür eine Arbeitsgruppe, die sich damit beschäftigt. Damit stellen wir sicher, dass wir beim Einzug in einen Neubau nicht sagen müssen, dass wir jetzt zwar neues Mobiliar haben, dieses aber gar nicht passt.

Also seid ihr bereits am experimentieren?

Ja, da sind wir schon dran. Man spricht ja auch vom Raum als dritter Pädagoge und man kann diesen ganz gezielt für den Unterricht nutzen. Also ich noch Lehrer war, kannte ich vielleicht diese Fachausdrücke noch nicht, hatte aber das Bedürfnis solche Nischen zu schaffen. Ich habe zum Beispiel einen Vorhang-Draht aufgehängt, selbst «gemecht» und den Vorhang zusammen mit den Schülerinnen und Schülern während einer Woche eingefärbt und aufgehängt. Dann habe ich mit alten Armeediktafonen im Pult ein eigenes Sprachlabor geschaffen. Also mit ganz einfachen Mitteln den Unterricht geöffnet. Es ist sehr interessant zu sehen, wie sich die Schülerinnen und Schüler geschützt gefühlt haben, sobald dieser Vorhang gezogen war.

Wenn wir jetzt an das neue Schulhaus mit dem Cluster-Modell denken, gibt es aus deiner Sicht Möglichkeiten, genau das, was du schon früher gemacht hast, im grossen umzusetzen?

Die Cluster-Modell gibt uns die Möglichkeit, die Raumaufteilung auf den Bedarf anzupassen. Ich habe mich zu dem Thema vorhin noch von unserem Klassenlehrer Ino Gillmann briefen lassen, der früher einmal Zeichner EFZ gelernt hat. Er hat mir erklärt, dass man beispielsweise eine Leichtbauwand auch immer wieder neu setzen können, wenn wir merken, dass es anders besser wäre. Für uns sehr spannend und ein Modell der Zukunft.

Wenn ich dich richtig verstehe, dann ist diese Flexibilität für euch wichtig.

Klar gibt es Bildungsforschung und klar kann man Bücher lesen oder schauen, was in anderen Ländern bereits ausprobiert wurde. Am Ende muss aber die Lehrperson die Ideen haben und sehen, wie sie mit dem Raum am besten arbeitet. Deshalb ist diese Flexibilität eine ganz gute Idee.

Die Oberstufe wird im 2023 auf das Modell 3b Spiegel umstellen. Unterstützen solche räumlichen Veränderungen dieses Modell?

In einem Modell 3b gibt es in allen Fächern ausser in den Niveau-Fächern Deutsch, Franz, Math Schultyp durchmischte Stammklassen. Das heisst Realschülerinnen und Realschüler sind künftig zum Beispiel in den Fächern Natur-Technik oder RZG-Unterricht gemeinsam unterrichtet. Jetzt braucht es Unterrichtsformen für die innere Differenzierung. Es geht grundsätzlich um individualisierenden Unterricht und selbstorganisiertes Lernen. Dabei kann der Raum akustisch, visuell oder in der Sitzordnung unterstützen.

Ein Beispiel: Im RZG, frĂĽher Geschichte, hast du das Thema 2. Weltkrieg und von dieser Thematik aus kannst du Aufgaben auf jedem Niveau stellen an denen gearbeitet werden kann. In diesem Zusammenhang sprechen wir auch von reichhaltigen Aufgaben und es geht darum, dem Individuum gerecht zu werden. Dabei unterstĂĽtzt uns der Raum.

Hilft der Raum auch bei der Beziehungsgestaltung?

Ich denke, egal von welchem Schulmodell wir sprechen, es steht und fällt immer mit der fähigen und motivierten Lehrperson. Die Fähigkeit mit den Schülerinnen und Schülern in Beziehung zu gehen ist zentral und da kann einem das Mobiliar nicht darüber hinweg helfen. Wenn ich aus meiner Erfahrung schaue, dann hatte meine Motivation in der Beziehungsgestaltung auch mit meinem Schaffensdrang zu tun und der hat sich auch in der Raumgestaltung ausgedrückt. Ein Raum muss leben und attraktiv sein.

Die Architektin Nicole Deiss hat im Gespräch gesagt, dass für sie euer Blick als Nutzer sehr wichtig ist für die weitere Planung. Was ist für euch wichtig?

Über viel haben wir bereits gesprochen. Wichtig ist mir, dass die Lehrpersonen, die tagtäglich damit arbeiten auch zu Wort kommen können. Was in den Plänen angedacht ist und für uns toll ist, sind beispielsweise Bereiche, die Themen zusammenfassen wie zum Beispiel Räume in den gestalterischen Bereichen. Jetzt ist es so, dass der Raum für das textile Gestalten und der Raum für das technische Gestalten weit weg voneinander sind. Das sind Bereiche, die eigentlich nebeneinander sein müssten, weil sie zusammengehören. So wird im technischen Gestalten vielleicht ein Stuhl gemacht und später wird er gepolstert. Also genau diese Nähe brauchen wir. Auch die Räume für WAH und Natur-Technik sind auf der gleichen Ebene. Beim Lebensmittel herstellen ist man bald einmal im Bereich der Chemie und die räumlichen Verbindungen helfen beim Schaffen von Zusammenhängen.

Wir kommen zum Schluss. Gibt es etwas, dass du noch gerne gesagt hättest?

Ich habe in alten Schulhäusern gearbeitet und durfte in neuen Schulhäusern arbeiten. Das OSZ Mühlematt ist in die Jahre gekommen, das wissen wir und ich freue mich auf das Neue. Ich freue mich vor allem auch für die jungen Lehrpersonen. Für die gibt es eine Perspektive und das ist motivierend. Mich als Junglehrkraft hätte das sehr motiviert. Spätestens dann, wenn die ersten Bagger aufgefahren wären. Ich schaue positiv in die Zukunft, denn das ist ein absolut gutes Projekt.

Vielen Dank für das Gespräch

Danke dir Ben.

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Interview: Ben Zaugg
Ăśber die Personen

Daniel Finger ist Schulleiter des Oberstufenzentrums MĂĽhlematt.

Ben ist Experte für Kommunikation und Podcasts. Im Projekt Mühlematt führt er die Podcast-Interviews. Sonst beschäftigt er sich mit neuen Arbeits- und Lernformen und begleitet andere dabei, ihre berufliche Zukunft zu gestalten.