🎙️ Interview mit Adrian Kubli, Gemeinderat

Adrian Kubli, Ben Zaugg

Podcast-Interview mit Adrian Kubli ĂĽber das Projekt MĂĽhlematt in Belp.

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Adrian, du bist Gemeinderat und zuständig für das Departement Bildung, du bist Lehrer und Vater und hast damit einen 360-Grad Blick auf die Schule. Bevor wir darüber sprechen, schauen wir noch etwas zurück auf den Architekturwettbewerb. Wie muss man sich so einen Wettbewerb vorstellen?

Der Architekturwettbewerb war für mich auch eine Premiere und dann durfte ich dort sogar als Jury-Mitglied dabei sein. Zuerst war es so, dass sich alle Architekturbüros bewerben konnten, die wollten. Aus über 60 Bewerbungen haben wir zwölf Architekturbüros ausgewählt. Die Finalisten hatten dann ein halbes Jahr Zeit daran weiterzuarbeiten. Man kann sich vorstellen, dass bei diesen zwölf Büros jeweils mehrere Menschen daran gearbeitet und x Arbeitsstunden investiert haben. Das einzige, was wir von den Architekturbüros bereits gewusst haben ist, welche Projekte sie schon realisiert hatten. Wir haben darauf geachtet, ob sie bereits Erfahrung haben mit solchen Projekten und ob es zu unserem Vorhaben in Belp passt. In diesem halben Jahr, als die Büros an diesen Projekten gearbeitet haben, waren wir natürlich gespannt. Am ersten Jurytag sahen wir die zwölf Projekte. Sie waren alle ganz unterschiedlich. Es war sehr eindrücklich, was da alles entstanden ist.

Kamen diese Vorschläge als Zeichnungen oder konntet ihr bereits Modelle betrachten?

Bei solchen Projekten ist vorgeschrieben, was alles eingereicht werden muss. Dazu gehört auch ein Gipsmodell, bei dem die Umgebung mit Siedlung, Gürbe und natürlich das ganze Schulareal abgebildet ist. Eine zusätzliche Vorgabe war, dass auch eine mögliche Erweiterung berücksichtigt werden muss, falls die Zahlen der Schüler*innen in der Zukunft steigen. Deshalb gibt es Gebäudeteile, die man wie ein Puzzle in das Modell einfügen kann. Auf den Plänen ist eine grosse Ansicht von oben ersichtlich, bei denen man neben dem Neubau auch die Umgebung sehen kann. Dazu kommen detaillierte Grundrisse der Räume, vom Keller bis ins dritte Obergeschoss, bei denen man die Einteilung der Räume bereits gut sehen kann. Es war für uns auch sehr wichtig, dass wir die Art und Weise sehen können, wie in diesen Räumlichkeiten unterrichtet werden soll. Zusätzlich gab es auch Visualisierungen, die zeigen, wie es dann aussehen soll - fast wie ein Foto.

→ Siehe Projektdetails aus dem Wettbewerb

Worauf achtet man, wenn man solche Projekte vergleicht?

Innerhalb der Jury hatten wir auch Lehrpersonen aus der Primar- sowie aus der Oberstufe und wir hatten auch zwei Personen aus der Belper Bevölkerung, die ebenfalls im Bildungsbereich tätig sind, die wir als Expert*innen dazugenommen haben. Wir waren eine Gruppe von fünf Personen, welche sich spezifisch den Fragen rund um den Unterricht widmenten. Dazu haben wir gedanklich einen Schultag durchgespielt: Die Kinder kommen mit dem Fahrrad zur Schule, gehen vom Fahrradständer zum Klassenzimmer in die Oberstufe oder in die Prim. Dann haben sie Unterricht, gehen anschliessend vielleicht vom Klassenzimmer in einen Raum für eine Gruppenarbeit. Wo befinden sich diese Gruppenräume? Vielleicht gehen sie auch an individuell gestaltete Arbeitsplätze, also sogenannte Lernlandschaften, wechseln anschliessend in ein Spezialzimmer wie zum Beispiel das Musikzimmer oder den Hauswirtschaftsraum und später zum Sport. Die Frage war zum Beispiel, ist dieser Weg machbar? Sind die Pausenplätze so gestaltet, dass sie für Kinder passen? Wir fragten uns, ob es für Schüler*innen attraktiv ist in diesen Räumlichkeiten zu lernen und ob es auch für Lehrpersonen attraktiv ist, dort zu arbeiten?

Der Schulhausbau ist ein Plan für die Zukunft. Die Welt verändert sich laufend. Was ist wichtig für ein Schulhaus der Zukunft?

Uns war wichtig, dass wir nicht ein Schulhaus bauen, das auf dem «Lehrplan 21» basiert. Denn wir wissen nicht, wie vielleicht ein «Lehrplan 32» aussehen wird und welche Anforderungen ein Lehrplan der Zukunft an Räume haben wird. Damit der Bau auch in Zukunft dem entspricht, was wichtig ist, muss er möglichst flexibel sein.

Heisst es, dass Mobiliar und Räume möglichst flexibel sein sollten?

Man geht davon aus, dass man auch in Zukunft in einer Klasse zusammen Dinge gestalten wird. Was aber ganz wichtig ist, ist die Individualisierung von der heute alle sprechen. Es ist zum Beispiel so, dass man auch von Sechstklässlern, die im selben Niveau sind, nicht das Gleiche erwarten kann. So werden Schüler*innen hier in Belp in Zukunft in einem neuen Modell 3b Spiegel unterrichtet, bei dem sie Beispielsweise im Fach Mathematik auf Sek-Niveau in der gleichen Klasse und doch nicht gleich unterwegs sind. Dafür braucht es die Individualisierung und die Möglichkeiten, dass Schüler*innen selbst und ungestört arbeiten können. Dazu sind individuelle Arbeitsplätze nötig. Es braucht auch Gruppenräume, damit in kleineren Gruppen gemeinsam an einem Thema gearbeitet werden kann. Gerade Arbeitsplätze für die individuelle Arbeit werden, so denke ich, in der Zukunft mehr gefragt sein. Deshalb braucht es in der Zukunft sogenannte Lernlandschaften.

Und das wird im gewählten Projekt möglich sein?

Das wird möglich sein. Wir haben eine gute Mischung. Die Art, wie die Schulräume konzipiert sind, nennt man Cluster-Lösung. Das kann man sich so vorstellen, dass immer vier Klassen in einem Bereich sind. So wie zum Beispiel in einer grossen Wohngemeinschaft. Es sind vier Klassen die in einem eigenen Bereich ein- und ausgehen. Dort hat es aber nicht nur Klassenzimmer, sondern es hat auch Gruppenräume und es hat einen Arbeitsbereich, bei dem man eben so eine Lernlandschaft einrichten kann.

Gibt es sonst noch Dinge, die dieses neue Projekte auszeichnen?

Es gab verschiedene Projekte mit Cluster-Lösungen. Mit seiner Anordnung hat das Gewinner-Projekt wirklich überzeugt. Die Klassenzimmer, die Gruppenräume und auch die Orte, an denen man Lernlandschaften einrichten kann, sind sehr geschickt angeordnet. Es sind attraktive, schöne Arbeitsplätze mit viel Tageslicht. Die Bereiche für vier Klassen bedeutet gerade auch für jüngere Schüler*innen, dass sie sich aufgehobener fühlen. Das ist ein klarer Vorzug gegenüber anderen Projekten. Beispielsweise war ein Projekt so, dass es eher einer Lagerhalle glich, bei dem auf einem Stockwerk alle Zimmer für über 500 Personen gewesen wären. Wir hatten den Eindruck, dass gerade die jüngeren Kinder dort Schwierigkeiten hätten, sich zu orientieren und dort verloren wären. Deshalb sehen wir das gewählte Projekt als gute Mischung von alt und neu. Gegenüber weiteren Projekten hat hier die Umgebungsgestaltung, die Gebäudeanordnung, die Turnhalle, die Gestaltungs- und Hauswirtschaftsräume sowie die Möglichkeit einer Erweiterung extrem überzeugt.

Etwas speziell ist, dass man bei diesem Projekt die Aula stehen lässt. Das passt aber sehr gut in dieses Projekt, das ja «Le Fil Rouge» heisst. Von der Anordnung steht die Aula im Bereich, von dem man vom Dorf zur Schulanlage kommt. Sie ist rein als Gebäude auch schön und das möchte man so stehen lassen. Man hat an einer Gemeindeversammlung vor ca. 1,5 Jahren entschieden, dass man das ganze Schulhaus neu machen und nicht sanieren möchte. Der Gemeinderat hatte eigentlich eine Sanierung vorgesehen. Die Bevölkerung hat mit einem Vorstoss gesagt, dass Belp ein neues Schulhaus braucht, da es bereits ein altes Gebäude und auch mit dem Schadstoff Naftalin belastet ist, der möglicherweise auch nach einer Sanierung noch ein Problem sein könnte. Man sagt zwar, dass es nach einer Sanierung sicher sei, aber das Komitee hat die Bevölkerung von der Variante des Neubaus überzeugt. Damit hat die Gemeinde den Auftrag erhalten, das Schulhaus komplett neu zu bauen. Dass man versucht, mit der Aula ein Gebäude zu erhalten ist legitim. Denn wenn man dieses Gebäude doch auch ersetzen muss, dann kann man dort einfach eine neue Aula bauen. Aber eben, dieses Architekturbüro hat vor allem auch den Punkt der Nachhaltigkeit sehr gewichtet. Dies ist auch ein Punkt, warum dieses Projekt gewonnen hat.

Das nächste Gespräch wird mit den Architekti*innen stattfinden. Gibt es eine Frage die ich dort stellen sollte?

Es war spannend, dass wir im anonymen Wettbewerb nicht wissen konnten, welches Büro gewinnt. Gewonnen hat mit Neon Deiss ein Architekturbüro aus Zürich. Das ist ein Team vor allem aus Architektinnen. Es sind viele junge Menschen, die auch schon Schulhäuser gebaut haben. Ich habe mich informiert, was sie bereits gebaut haben. Das ist sehr spannend und vor allem das Thema Nachhaltigkeit ist bei diesen Projekten noch nicht so ersichtlich. Dort würde mich interessieren, was sie sich sonst noch alles überlegt haben. Ich weiss zum Beispiel, dass man Materialen vom alten Gebäude wiederverwenden will. Das Mühlematt Schulhaus hat aussen zum Beispiel überall Eternit-Plättli und die sind noch in gutem Zustand. Es wird heute auch noch teilweise mit diesem Material an Fassaden gebaut. Sie wollen die Plättli allenfalls auch wieder integrieren. Das sieht dann auch wieder viel schöner aus; also man sieht nicht, dass es alt ist. Über Nachhaltigkeit haben sie sich noch viel mehr Gedanken gemacht und auch einen Partner beigezogen, der sich ganz spezifisch mit nachhaltigem Bauen befasst. Mich würde interessieren, was sie sich dazu noch alles überlegt haben.

Super, diese Frage nehmen ich gerne mit.
Wir kommen bereits zum Schluss. Gibt es etwas, das du noch gerne gesagt hättest oder gefragt worden wärst?

Man weiss, dieser Neubau wird uns wahnsinnig viel kosten. Es ist bereits von 80 Millionen die Rede. Das wird auch sehr schwierig, das zu finanzieren. Es sind natürlich auch gewisse Bedenken da. Man wollte ein neues Schulhaus und das ist legitim, denn während vielen Jahren wurde wirklich zu wenig Geld in das Schulhaus investiert. Jetzt braucht es eine wirklich grosse Investition und die ist enorm. Da muss man sicher etwas über seinen eigenen Schatten springen in Belp. Das kann sein, dass man die Steuern etwas erhöhen muss, zumindest während einer gewissen Zeit. Es ist aber eine gute und wichtige Investition. Ein Neubau bietet die Möglichkeit, den Schulraum so zu konzipieren, dass er den Anforderungen, wie man heute und in Zukunft unterrichten möchte, entspricht. Ich habe auch die Sanierungsvariante gesehen und da hat man natürlich die Möglichkeit von Lernlandschaften nicht im gleichen Ausmass. Es ist wirklich ein ganz attraktives Schulhaus, das wir erhalten werden. Das kostet, das muss man sich bewusst sein. Aber wir brauchen ein neues Schulhaus und es wird eine ganz tolle Sache.

Vielen Dank für das Gespräch.

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Interview: Ben Zaugg
Fotos: © Ueli Hiltpold, photosphere.ch
Ăśber die Personen

Adrian Kubli ist Gemeinderat in Belp und Vorsitzender der Bildungs- und Kulturkommission. Er arbeitet als Sekundarlehrer an der Schule in Kehrsatz. Im Projektwettbewerb der Schulanlage MĂĽhlematt ist er Teil der Jury.

Ben ist Experte für Kommunikation und Podcasts. Im Projekt Mühlematt führt er die Podcast-Interviews. Sonst beschäftigt er sich mit neuen Arbeits- und Lernformen und begleitet andere dabei, ihre berufliche Zukunft zu gestalten.