Geschichte trifft auf Zukunft

Su Jost
Geschichte trifft auf Zukunft

«Jeder ist frei, mit einem Knopfdruck das Radio auszuschalten, den Konzertsaal, das Kino oder das Theater unbesucht und ein Buch ungelesen zu lassen. Doch keiner kann die Augen verschliessen vor den Gebäuden, welche die Bühne unseres Lebens bilden.»

Bruno Zevi

Das Zitat des Architekten und Architekturhistorikers Bruno Zevi stammt aus der Zeit, als die erste Schulanlage auf der Mühlematt in Planung war. Es spielt auf die Bedeutung und Rolle der räumlichen und baulichen Umwelt in unserem Leben an. Gebäude, Quartiere, Plätze, Grünflächen, Wege, Strassen… Ein Dorf setzt sich aus unendlich vielen Orten zusammen. Manche sind berühmt, andere versteckt, manche werden geliebt, andere gemieden, einige sind verschwunden, und wieder andere erst geplant. Die Schulanlage Mühlematt befindet sich aktuell irgendwo dazwischen. Sie ist mit ihrer ganzen Geschichte, die Mitte der 1940er Jahre auf grüner Wiese begann und seither fortgeschrieben wurde, noch da. Gleichzeitig lassen uns die Pläne und das Modell zum Neubau in die Zukunft blicken.

Einweihung Sekundarschule Mühlematt 1951.
Einweihung Sekundarschule Mühlematt 1951.

Seit Abschluss der Ausstellung aller Wettbewerbseingaben im Aaresaal, ist das Siegerprojekt «Le Fil Rouge» noch bis Mitte Juli in der Ausstellung «Ab id Schuel!» im Schloss Belp zu sehen.

Gipsmodell vom Siegerprojekt «Le Fil Rouge» neben der bronzenen Brunnenfigur, die einst im Oberstufenschulhaus stand.
Gipsmodell vom Siegerprojekt «Le Fil Rouge» neben der bronzenen Brunnenfigur, die einst im Oberstufenschulhaus stand.

Zu Füssen von David, der bronzenen Brunnenfigur, die einst den Brunnen im Treppenhaus des Oberstufenschulhauses zierte, bettet sich das Projekt in die Geschichte der Belper Schulhäuser und der Schulanlage Mühlematt ein. Auch diese begann – nach einem Landabtauschverfahren zwischen der Tuchfabrik, der Familie Tannaz und der Gemeinde – mit einem Architekturwettbewerb. Das damalige Siegerprojekt von Architekt Ernst Balmer ist in einer 1:200 Planansicht der Gesamtanlage und verschiedenen Detailzeichnungen, ergänzt mit Gebäudefotos von damals bis heute zu sehen und lädt unweigerlich zu Vergleichen ein.

Ausstellung «Ab id Schuel!» im Ortsmuseum Belp.
Ausstellung «Ab id Schuel!» im Ortsmuseum Belp.

Der alte Singsaal

Der im Projekt «Le Fil Rouge» angelegte Brückenschlag zwischen Vergangenheit und Zukunft wird dabei deutlich sichtbar. Am augenfälligsten: Der Singsaal, oder wie man ihn heute nennt: die Aula. Vor Ort ist sie heute als Teil der gewachsenen Anlage etwas eingekesselt und unscheinbar. Offensichtlicher wird ihr eigenwilliger Grundriss auf den alten Planansichten, aber eben auch im neuen Projekt, wo der Singsaal freigestellt und mit einem Vorbau versehen, zum einladenden Element der Gesamtanlage wird.

Der alte Singsaal.
Der alte Singsaal.

Den Singsaal stehen zu lassen, war seitens NeonDeiss ein Wagnis und mehr als ein neckisches Detail. Einerseits passt der Entscheid zum Credo der Nachhaltigkeit, das mit «Le Fil Rouge» konsequent verfolgt wird. Andererseits spricht daraus ein Bewusstsein und Gespür dafür, dass Orten eine Geschichte innewohnt, die man weiterschreiben kann, und dass es für Innovation nicht immer und überall eine tabula rasa braucht. Singsaal, Tartanbahn, die vorgesehene Wiederverwendung von Materialien – dies alles schliesst eine Verbindung zum Gewesenen mit ein und gehört dadurch buchstäblich zu dem «Zeug», das ebenso niederschwellig wie generationenübergreifend Identität stiftet.

Der alte Singsaal wird zur neuen Aula mit einer Erweiterung.
Der alte Singsaal wird zur neuen Aula mit einer Erweiterung.

Gerade Schulhausanlagen sind im eingangs zitierten Sinne «Bühnen des Lebens», die sich über ihre Räume und Gestalt eng mit geteilten Erinnerungen verwoben haben. Jede und jeder kennt Orte, die komplett verschwunden, oder eben vollständig mit etwas Neuem überschrieben aka überbaut worden sind. So sehr dies zu Wandel und Fortschritt gehört, geht immer auch etwas verloren. Fotografien und Pläne sind das eine, noch spür- oder sichtbare Elemente etwas ganz anderes. Der Bruch wird umso härter, je mehr Menschen einer Gemeinschaft an einem Ort ein- und ausgegangen sind. Die Galactina oder das alte Restaurant Kreuz, denen das Ortsmuseum ebenfalls schon Ausstellungen gewidmet hat, kommen einem hier unter anderem in den Sinn, die Mühlematt wäre eine weitere Kandidatin. Umso schöner ist es, dass mit «Le Fil Rouge» ein Projekt zum Zug kommen soll, das den Faden eben buchstäblich nicht abreissen lässt, sondern ihn weiterspinnt.

Stummfilm zum Bau des Schulhauses

Eine Online-Plattform, die das Mühlemattprojekt begleitet, gab es bei der Erstüberbauung natürlich noch nicht. Eine Kamera war aber dabei! Und so ist ein Stummfilmdokument erhalten geblieben, das 1949 mit Begehungen auf der grünen Wiese beginnt und mit der Eröffnung des Sekundarschulhauses 1951 schliesst. Gern teilt das Ortsmuseum hier einen Teaser zur Bauphase, weitere Ausschnitte sind in der Ausstellung zu sehen, eine Vorführung des ganzen Films im Rahmen eines «Mühlematt-Abends» ist in Planung.


Weitere Pendants

Als weitere Pendants mit all ihren Unterschieden und Parallelen von damals zu heute:

Wettbewerbsprogramm von 1947

Auch damals gab es einen Architekturwettbewerb:

📄 Das Wettbewerbs- und Raumprogramm von 1947 (Archiv-Fotografien, PDF)

→ Und hier als Vergleich die Ausschreibung für den Projektwettbewerb von 2021

Abstimmung über den Bau 1949

Ausführungen von Gemeindepräsident Tannaz zur Abstimmung über den Bau an der Gemeindeversammlung vom 28. August 1949 im Belper Sport:

📄 Artikel zur Abstimmung über den Bau (aus: Belper Sport Nr.9, September 1949, PDF)

Über die Personen

Su Jost ist Leiterin und Kuratorin des Ortsmuseums Belp.